Susanne Stiegeler

Zu den „Wunderkammern“ von Susanne Stiegeler (* 1979)

Reliquien werden vom aufgeklärten Ungläubigen milde belächelt. Die Aufbahrung und Anbetung alter Körperteile oder –flüssigkeiten hat ihre magische Faszination verloren, wirkt archaisch verstörend und erregt gar Ekel. Im Lutherjahr erinnern wir uns an die Überwindung des Reliquienglaubens durch Luthers Zusage der Gnade Gottes rein „sola fide“ (durch den Glauben). Die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes ist jedoch nicht verschwunden.

Baut sich der moderne Mensch doch lieber einen narzisstischen Tempel der Selbstoffenbarung und -optimierung. Auch dies dient jedoch dem Kampf gegen die Vergänglichkeit. Auch dies geht nicht ohne die magische Beschwörung von Gegenständen: Kettenschlösser an Brücken für den ewigen Erhalt der Liebe, Talismane für die Abwendung des Unheils, Messgeräte am und im Körper für die Perfektionierung ewiger jugendlicher Leistungskraft, die digitale Selbstdarstellung zur Sichtbarwerdung dauernder eigener Präsenz und damit ewiger Schönheit.

Die Hingabe an diese zum Teil aufwändig erstellten Gegenstände schreibt ihnen eine Bedeutung zu, die der rationale Betrachter als „Hokuspokus“ abtun könnte.
Dieser Begriff entstammt vermutlich einer Verkürzung der Formel „Hoc es enim corpus meum“ bei der Wandlung während der Heiligen Messe („Dies ist mein Leib“ usw.) aus Unverständnis der nicht Lateinkundigen oder auch parodistischen Motiven. Es treffen sich das tiefe Erstaunen vor der Magie der Dinge (in diesem Fall der sich in den Leib Christi verwandelnden Oblate) und der Zweifel des modernen Menschen im Angesicht des Rituals.
All dies lässt die Künstlerin mit ihren „Wunderkammern“ lebendig werden: in der Thematik der Bekämpfung von Vergänglichkeit und Tod, den ewigen Widersachern menschlichen Seins und Strebens; im Glauben an die Wirkmächtigkeit magisch aufgeladener Gegenstände; in der Wiederbelebung des Rituals durch die aufwändige, kleinstteilige Konservierung gefundener Gegenstände, nicht jedoch ohne ironische Distanz. Stiegeler verwendet nicht nur echte organische Materialien, wie sie die katholische Kirche jahrhundertelang herbeigeschafft hat, um die Bindung der Gläubigen an das Wunder zu bewerkstelligen. Sie lässt auch Materialien vom Flohmarkt oder aus Plastik weiterleben und verleiht damit an sich unbedeutenden Gegenständen ein Recht auf Existenz und die Fähigkeit zur magischen Wirkung. Welche Gegenstände dies außerdem sein können, beschreibt die Künstlerin so: Der Luftzug des letzten Wimpernschlag eines Verflossenen, das echte Plastikherz des namenlosen Büßers, ein abgeschlagenes Ohr des Lauschers an der Wand, der wundertätige Kieferknochen des irrsinnigen Rentiers, Haare ewig gestriger Freunde, die blutige Träne aus dem berühmten Knopfloch…“.
Die geistlichen Reliquien hatten immer eine körperliche Verbindung zu einem Heilig gesprochenen Wunderwirker. Die Sehnsucht nach der Magie zur Beherrschung des Todes ist bei Stiegeler stark vorhanden. Aber ihre Wundersammlung ist bei aller Rückbezüglichkeit zum Sakralen, zur regelrecht goldschwülstigen Inszenierung eben distanziert, weil sie noch obskurer ist: nämlich im zu entdeckenden Detail dichter am Alltag und zugleich bizarr, leicht und filigran und dennoch verwunschen. Der Betrachter erkennt die Parabel auf die Reliquie und kann sich dennoch mitten im Jahr 2017 in eine Welt des Wunders hineinsehnen.

Dr. Daniela Schwardt